Unterwegs in Guatemala

Die Ruinenstadt Iximché
Hauptstadt der Cakchiquel

 

Der historische Kontext

Die Kultur und Geschichte des Hochlandes von Guatemala sind in die kulturelle Entwicklungsgeschichte Mesoamerikas eingebettet. Bereits seit vielen Jahrtausenden lebten die Menschen hier als Jäger und Wildpflanzensammler, bis sie sesshafte Ackerbauern wurden. Wahrscheinlich lebten im guatemaltekischen Hochland schon damals Vorfahren der späteren Mayavölker. Ein ausgedehnter überregionaler Handel sorgte für den Austausch von technischen Fertigkeiten, materiellen Gütern und religiösen und künstlerischen Ideen. Nach etwa 850 v.u.Z. wurden die im Hochland lebenden Menschen von der Olmekenkultur beeinflusst, was insbesondere an Form und Technik der Keramiken sichtbar wird. Die Ortschaft Kaminaljuyú, heute als archäologische Zone fast völlig von der Hauptstadt Guatemala überbaut, erlebte damals einen Aufschwung, der bis in die sogenannte klassische Mayazeit reichen sollte. Vielleicht im 12. Jahrhundert oder vorher trafen gewesen sein, als mehrere, zentralmexikanisch geprägte Völker im guatemaltekischen Hochland eintrafen und sich hier niederließen. Diese Neuankömmlinge, später als Quiché, Cakchiquel und Tzutuhil bekannt, sprachen einen deutlich anderen Dialekt als die angestammte Bevölkerung, gehören aber eindeutig in die Mayaverwandtschaft. Herkunft und Migrationsbewegungen dieser Einwanderer sind noch nicht befriedigend erforscht. Es scheint, als hätten die damals dominierenden Quiché mit den Cakchiquel und Tzituhil lange Zeit freundschaftlich zusammengelebt und ihre Kraft gegen alteingesessene Maya, z.B. Mam, Pokoman, Chol und andere gebündelt. Die Hauptstadt der Quiché war etwa seit dem 14. Jahrhundert die Stadt Cumarcaj (von den Mexikanern später Utatlán genannt, heute ein relativ unscheinbares Ruinenfeld). Im 15. Jahrhundert haben sich die Stämme dann zerstritten und blieben bis zur spanischen Eroberung verfeindet.

Die Gründung von Iximché

Die Gründung von Iximché erfolgte um 1470 und hatte folgenden Hintergrund:

Die Cakchiquel hatten sich durch kriegerische Aktionen den Quiché nützlich gemacht, worauf sie von deren König Quibac (auch Quicab) begünstigt wurden, was seitens einiger Quiché-Adliger wohl zu Eifersüchteleien führte.

Quibac, der die Probleme erkannte und einen Aufstand seiner Leute befürchtete, forderte daraufhin die Cakchiquel auf, wegzuziehen und sich eine eigene Hauptstadt zu bauen.

Die Cakchiquel zogen daraufhin an den Iximché genannten Platz, ein in 2250 m Höhe gelegenes Plateau, das von steilen Abhängen umgeben ist. Der Name der Stadt bedeutet in der Hochlandsprache "Maisbaum" und be-zeichnet eine Pflanze (Brosimium alicastrum), die zumindest in Notzeiten auch als Nahrung dienen kann.

Damals waren Lahuh Ah (+1488) und Vucub Batz (+1485) Könige der Cakchiquel. Ähnlich wie die Quiché hatten auch die Cakchiquel jeweils mehrere Könige, die durch Wahl ermittelt wurden, wobei die Söhne der regierenden Könige eine Bevorzugung erfuhren. Die Könige stellten jeweils die Oberhäupter der (vier) Clans dar, wobei deren Bedeutung und Ansehen innerhalb der Gesellschaft abgestuft war. Die vergleichsweise späte Stadtgründung von Iximché wird außer durch die Überlieferungen der Cakchiquel, die einige Zeit nach der Eroberung aufgezeichnet wurden, auch durch den archäologischen Befund gestützt.

Nachdem der Quiché-König Quibak gegen Ende der 1480er Jahre gestorben war, begannen sich die Beziehungen zwischen den Cakchiquel und Quiché zu verschlechtern, und 1491 erfolgte ein (wenig erfolgreicher) Angriff der Quiché, der eine ganze Serie von kriegerischen Auseinandersetzungen einleitete, die bis zur Konquista andauerten.

Die letzten Jahrzehnte vor Eintreffen der Spanier im Hochland waren durch mehrere Seuchen, darunter vermut-lich auch die Pocken, sowie einen permanenten Kriegszustand gekennzeichnet. Die Cakchiquel, Quiché und Tzutuhil bekämpften sich untereinander, außerdem gab es Kriege mit den alteingesessenen Mayavölkern und den Pipil im Gebiet des heutigen El Salvador.

Das Ende von Iximché

Zu Jahresbeginn 1524 erschien Pedro de Alvarado mit etwa 420 spanischen Reitern und Fußsoldaten sowie einem Kontingent mexikanischer Hilfstruppen (die Zahlen für diese Verbündeten, überwiegend Tlaxcalteken, schwanken zwischen einigen hundert und etlichen tausend) im Hochland und traf zuerst auf die Quiché. Nach einigen heftigen Kämpfen wurden die Quiché von den Spaniern besiegt.

Am 12. April 1524 erreichte Pedro de Alvarado mit seinen Truppen Iximché und wurde freundlich auf-genommen, da man in ihm einen natürlichen Verbündeten sah. Gemeinsam besiegten sie schon am 18. April 1524 un-weit des Atitlán-Sees die Tzutuhil und zogen im Mai weiter gegen die Pipil im heutigen El Salvador. Der Feldzug dauerte bis Juli 1524.

Inzwischen hatte Pedro de Alvarado seinen Bruder Jorge in Iximché zurückgelassen, der die Bewohner mit unerfüllbaren Goldforderungen schikanierte. Es kam bald zu einem Aufstand, in dessen Zusammenhang die Cakchiquel sich aus Iximché zurückzogen, das daraufhin 1526 von den Spaniern niedergebrannt wurde. Die Cakchiquel zogen sich in die umliegenden Berge zurück und ließen sich später in anderen Orten nieder. Da Stätte verfiel und wurde von Pinienwald überwuchert, bis der Archäologe Georges Guillemin in den 1950er/1960er Jahren Iximché ausgrub und restaurierte.

Die archäologische Stätte

Um nach Iximché zu gelangen, muss man von der Pan-Americana einem Hinweisschild nach Tecpán folgen und den Ort vollständig durchqueren. Von dem einstigen Feldlager, das Pedro de Alvarado hier errichtete und der späteren ersten Hauptstadt Guatemalas mit dem klangvollen Namen „Santiago de los Caballeros de Guatemala“, die sich kurz-zeitig hier befand, ist heute nichts mehr zu bemerken. Der Ort ist ein mehr als bescheidenes Provinzstädtchen. Nach Verlassen des Ortes beschreibt die schmale Straße mehrere steile Kurven, bis man nach etwa 2 km auf dem Berg Ratzamut ein Plateau erreicht, zu dessen linker Hand sich ein Parkplatz befindet, während rechts, am Rande einer Wiese, das kleine Museum der Ausgrabungsstätte Iximché steht. In dem Museum befinden sich einige Grabungsfunde, Informationstafeln sowie ein Modell der Stadtanlage von Iximché.

Hier, sowie in weitem Umkreis verstreut, lebte einst die einfache, nichtadlige Cakchiquel-Bevölkerung in Hütten aus Holz und Stroh inmitten der Felder. Die „Stadt“ Iximché, als die wir die Ruinenstätte gern bezeichnen, bestand genau genommen nur aus dem befestigten Bereich auf dem Bergplateau, wo sich Tempel und die Paläste des Adels befanden. Der Berg trug dem in kriegerischen Zeiten besonders ausgeprägten Schutzbedürfnis des Adels Rechnung: Ein Plateau von über 400 m Länge und bis zu 150 m Breite war ringsum von steilen Berghängen geschützt und musste nur an einer Schmalseite von reichlich 100 m künstlich befestigt werden.

Während die erste Befestigung zum Zeitpunkt der Stadtgründung wahrscheinlich aus Holzpalisaden bestand, erfolgte bald der Bau einer soliden Mauer, die auf der Außenseite durch einen bis zu 8 Meter tiefen Graben geschützt wurde. Der Graben wurde in jüngerer Zeit verfüllt, ist aber noch gut zu sehen. Auch die Steinmauer bildet einen deutlich sichtbaren Wall. Der heutige Besucher betritt das Zeremonialzentrum durch denselben Eingang, den schon die alten Könige benutzten.

Die gesamte Anlage besteht aus mehreren Höfen, die von unterschiedlich strukturierten Gebäudekomplexen umgeben sind.


Blick von Tempel 5 über die A, B und C.


Blick von Tempel 2 über die Gesamtanlage in Richtung Südosten.

Unmittelbar hinter dem Schutzwall befinden sich einige wenig auffällige Fundamente um Schatten hoher Pinien, die außerdem die gesamte Umgebung der Ruinenstätte sowie die Abhänge bedecken. Nach etwa 50 m erreicht man den Hof A, den man als Hauptzeremonialplatz von Iximché ansehen kann.

Hof A

Hier dominiert der Tempel 2, dessen obere Plattform etwa 9 m Meter hoch ist. Der Tempel wurde nach seiner Errichtung noch zweimal überbaut, so dass heute im wesentlichen die Reste der beiden Überbauungen sichtbar sind. Von den Bemalungen, die die Archäologen noch vor einigen Jahrzehnten gefunden haben, ist heute praktisch nichts mehr zu bemerken. Die Pyramide wurde aus Stein und Lehmziegeln errichtet und mit dickem Stuck überzogen. Die schrägen Wände, die oben von einem breiten senkrechten Sims gefasst werden, erinnern an die Talud-Tablero-Bauweise, der wir im zentralen Mexiko begegnen. Diese Bauweise wird mit den eingezogenen Ecken kombiniert, die im Petén, z.B. in Tikal verbreitet sind. Wir finden diese Bauweise nicht nur am Tempel 2, sondern praktisch an allen Tempeln in Iximché und in verkleinerter Form sogar an den diversen Plattformen, die in großer Zahl erhalten sind. Auffällig sind außerdem die sehr steilen und in den Baukörper eingezogenen Treppen, während die Treppen im Mayagebiet (und auch sonst in Mesoamerika) gern vor das Bauwerk angebaut wurden.

Vom eigentlichen Tempel, der auf der vierfach gestuften Plattform stand, ist außer einigen Fundamenten kaum noch etwas zu sehen. Er bestand aus einer kleinen hinteren Kammer, der eine breite Halle mit drei Türöffnungen vorgelagert war. Hinsichtlich der Frage, wer in diesem Tempel, der seinerzeit vermutlich der Haupttempel war, nun tatsächlich verehrt wurde, kann man nur spekulieren. Der Tempel ist genau auf den Sonnenaufgangspunkt zur Sommersonnenwende ausgerichtet. Unterhalb der Treppe hat man außerdem einen runden, oben gewölbten Stein gefunden, jenen ähnlich, die man in Mexiko verwendete, wo man an Menschen das „Herzopfer“ vollzog.

Dem Tempel 2 gegenüber befindet sich ein weiterer, jedoch kaum rekonstruierter Tempelhügel. Der Platz wird im Norden von einer lang gestreckten niedrigen Plattform begrenzt, auf der früher mehrere längliche Gebäude standen, vielleicht Wohnungen von Priestern oder Aufbewahrungsräume von Zeremonialgegenständen. Inmitten des Hofes befinden sich außerdem einige sehr niedrige Plattformen, deren ursprüngliche kultische Bedeutung gleichfalls unbekannt ist. Der gesamte Pyramidenkomplex im Bereich des Hofes A mag der Verehrung der Cakchiquel-Stammesgottheiten Beleh Toh und Hun Tihax gedient haben, aber in Ermangelung eindeutiger schriftlicher Überlieferungen werden wie es wohl niemals genau ergründen können.

Im Bereich des Hofes A bleibt noch ein inzwischen rekonstruierter, etwa 30 m langer Ballspielplatz zu erwähnen. Inwiefern die seitlichen Begrenzungsmauern des Platzes senkrecht oder schräg ausgeführt waren, kann an dieser Stelle nicht eindeutig bestimmt werden. Die Meinungen scheinen geteilt, und die oberen Teile des Bauwerks sind nicht sehr gut erhalten geblieben. Eine kleine Plattform, die sich zwischen dem Ballspielplatz und dem Tempel 2 be-findet, wird gern als „Schädelplattform“ angesehen und mit Menschenopfern nach Ballspielen in Verbindung gebracht. Aber auch das ist ungesichert.


Tempel 2 im Hof A war vermutlich die Hauptpyramide.


Blick von Tempel 2 auf die Plattformen, die Hof A nördlich begrenzen.


Blick von Tempel 2 auf den Ballspielplatz.


Der Ballspielplatz (Struktur 8) in Hof A.

Hof B

Der Hof B wird an drei Seiten vollständig von Bauwerken eingefasst. Den gesamten Nordosten nimmt ein umfangreicher, mehrfach umgebauter und erweiterter Palastkomplex ein, von dem nur noch die Grundmauern stehen. Hier hatten die Adligen des Sots’il-Clans (Clan der Fledermäuse), des politisch wichtigsten Clans der Cakchiquel, auf 3000 m² ihre Wohnstatt.

Die markante Tempelplattform im Nordwesten des Hofes B mag der Verehrung einer Clan-Schutzgottheit ge-dient haben. Der Plattform gegenüber befinden sich Reste eines Gebäudes mit drei Türöffnungen, das unschwer als königliche Residenz oder Audienzhalle erkennbar ist. Das Bauwerk ist mit breiten massiven Wandbänken ausgestattet, die noch gut zu sehen sind.


Tempelplattform in Hof B.


Hof B: Überblick.


Blick von Tempel 4 über den Hof B.


Blick von Tempel 4 über den Hof B und (weiter hinten) Hof A..


Blick von Süden in den Hof B.

Hof C

Der Hof C ähnelt in der Anordnung der wichtigsten Baustrukturen dem Hof A: Zwei gegenüberstehende markante Pyramiden, nur mehr als Hügel erhalten, dominieren den Platz. Östlich befindet sich wiederum eine lang gezogene niedrige Plattform für mehrere Gebäude, diverse kleine Plattformen liegen zwischen den beiden Pyramiden und am Westrand sieht man den zweiten Ballspielplatz von Iximché, der allerdings nicht rekonstruiert wurde und nur anhand seiner Muldenform als solcher erkennbar ist.

Am Südende des Hofes C befindet sich ein System von Terrassen und eingesenkten Höfen, hier befand sich wahr-scheinlich der Palast der Adligen vom Xahil-Clan, der als zweitwichtigster unter den Cakchiquel galt.


Blick auf Tempel 5 im Hof C.


Ballspielplatz (Struktur 7) in Hof C.


Ballspielplatz (Struktur 7) in Hof C.

Weitere Bebauungen

In südöstlicher Richtung schließen sich an den Xahil-Palast weitere flache Terrassen sowie der ausgedehnte, von Gebäuderesten eingefasste große Hof D an. Schließlich folgen noch etwa 100 m Pinienwald, der ein System von unausgegrabenen Gebäuderesten und noch sichtbaren Steinmauern bedeckt, bis das Plateau an einem steilen Hang endet. Die Überreste von Bauwerken sind in diesem Teil von Iximché weniger imposant, als im vorderen Teil. Hier dürfte sozusagen der zweitrangige Adel gewohnt haben.


Hof D von Osten gesehen.


Hof D: Blick von Tempel 5 zum Tempel 6.

Ausblick

Iximché ist heute ein friedlicher Platz. Als wir die Stätte besuchten, hatten einige indianisch gekleidete Leute an einem der hinten im Wald befindlichen Erdhaufen eine Art Altar aus Kerzen, buntem Papier und Blumen aufgebaut und verrichteten Gebete. Es scheint, dass die Cakchiquel noch heute eine gewisse Beziehung zu ihrer alten Hauptstadt aufrechterhalten, auch hatte sie in der Zeit des Bürgerkrieges (bzw. des Militärterrors), der erst seit wenigen Jahren beendet ist, eine symbolhafte, die Identität der Cakchiquel betonende Bedeutung.

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Fotos und Text: Rudolf Oeser
Textquellen:

(Hunter, 1992: 96-98)
(Westphal, Die Maya, 1991: 86)
("Die Welt der Maya", Katalog zur ausstellung, 1992: 82f., 432)

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